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23.01.2018

Wenn der Körper zur Last wird: Mit 170 kg nimmt dich keiner

Fettleibigkeit Dr. Harald Tigges baut ein Adipositaszentrum am Klinikum auf. Schweres Übergewicht stellt nicht nur ein gesundheitliches Problem dar. Oft kann das nur mit einer Magenverkleinerung gelöst werden

VON SILKE FELTES

Iss halt weniger." Das sagen nur wenige, denken jedoch viele Menschen, wenn sie einen Dicken sehen. Einen mit weit mehr als ein wenig Wohlstandsübergewicht, dem bisschen Speck auf den Hüften und der lästigen Bauchrolle. Einen, mit Oberschenkeln so dick wie aufgeblasene Ballons, mit einem Bauchumfang, so massig, als hätte er einen Gymnastikball verschluckt. Krankhaft dicke Menschen, die unter Adipositas leiden, werden immer mehr. Der Körper ist zur Belastung geworden: Schmerzen in den Gelenken, Bluthochdruck, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Atembeschwerden, Depressionen sind nur einige der Folgeerkrankungen. Dr. Harald Tigges, Chefarzt am Klinikum Landsberg, hilft jedes Jahr vielen Menschen, ihre Fettleibigkeit zu besiegen.

„So dick war Deutschland noch nie", titelte jüngst die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Studien bescheinigen den Anstieg der krankhaften Fettleibigkeit deutschland- und weltweit. Über die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland sei übergewichtig, ein Viertel sogar adipös. Wieso, fragt man sich als Normalgewichtiger, essen die Betroffenen überhaupt so viel? Ist es eine Krankheit? Sind psychische Probleme die Ursache? Welche Rolle spielt der Lebensstil? Oder ist es ein genetischer Defekt?

Die Ursachen sind vielfältig. Dr. Harald Tigges ist Chefarzt am Klinikum Landsberg und gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der Adipositas-Chirurgie. Erst dieses Jahr wurde er als einer von Deutschlands Topmedizinern ausgezeichnet. Harald Tigges hatte zu Beginn seiner Karriere als Wissenschaftler vor mehr als 25 Jahren an der Uni Würzburg ähnliche Vorurteile gegenüber Adipösen wie der Rest der Bevölkerung – esst einfach weniger. Dann baute er als einer der ersten deutschen Ärzte ein Adipositas-Zentrum in Würzburg auf. Er erkannte das persönliche Leid und den Teufelskreis, in dem viele Adipositas-Patienten stecken. Nachdem er das Adipositaszentrum Bodensee in Konstanz etabliert hatte, wechselte der Viszeral-Chirurg vor sechs Jahren nach Landsberg. Dort baut er gerade das „Adipositas Zentrum Oberbayern" auf. Eine Selbsthilfegruppe, miteinander kooperierende Mediziner und Therapeuten, Psychologen und Ernährungsberater gehören zum Landsberger Netzwerk.

Nach umfangreichen Vorgesprächen und Untersuchungen sowie nach ermüdenden Verhandlungen mit den Krankenkassen führen Tigges und sein Team jährlich etwa 20 bis 30 Adipositas-Operationen durch. „Bei schwerem Übergewicht sind konservative Methoden leider nur in absoluten Ausnahmefällen wirksam", sagt der Mediziner. Es ist ein Teufelskreis aus individueller genetischer Veranlagung, einem hinderlichen sozialen Umfeld, jahrzehntelangen schlechten Ernährungsgewohnheiten, „psychischen Begleitproblematiken", sozialer Isolation, Mobbing oder Jobverlust, die dazu führen, dass Fettverbrennung,
Stoffwechsel sowie das Hunger- und Sättigungsgefühl nicht mehr normal funktionieren.

Schafft es ein Patient trotz Ernährungsumstellung, Diäten und Bewegungstherapie nicht, sein extremes Übergewicht zu verringern, kann der sogenannte Schlauchmagen eine Behandlungsmöglichkeit im Spektrum der bariatrischen Eingriffe neben Magenbypass, Magenband, Magenballon oder Magenschrittmacher sein. Bei einer Schlauchmagenoperation wird der Großteil des Magens entfernt, die Menge der späteren Nahrungsaufnahme dadurch extrem limitiert, erklärt Tigges. Schnelle Sättigung und ein fehlendes Hungergefühl führen in der Folge zu einem Gewichtsverlust von 60 bis sogar 80 Prozent.

Mit dieser Art von Operation hat Harald Tigges äußerst positive Erfahrungen gemacht. Eine Gewichtsreduktion von 230 Kilogramm auf unter 100 Kilogramm sei keine Seltenheit. „Wer mit eiserner Disziplin konservativ 40 Kilogramm abgenommen hat, rutscht in der nächsten Frustrationsphase schnell wieder hoch über das ursprüngliche Gewicht hinaus." Und das sei bei Weitem kein rein ästhetisches Problem. Die Folgeerkrankungen von massivem Übergewicht verringern die Lebenserwartung von Adipösen um sieben bis zehn Jahre. Nach einer Operation könne in der Regel aufgrund des extrem verkleinerten Magens das niedrige Gewicht gehalten werden. Das LT hat mit zwei Patienten darüber gesprochen (Artikel unten), wie sich ihr Leben nach dem Eingriff verändert hat.

Über weitere spezielle medizinische Angebote am Landsberger Klinikum werden wir demnächst berichten.

LEXIKON

● Adipositas krankhafte Fettleibigkeit (vom lateinischen ‚Adeps' für ‚Fett').
Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Adipositas bereits 1948 in die Liste der klassifizierten Krankheiten und psychischen Störungen aufgenommen. Seit 1997 spricht die WHO von einer Epidemie, erklärt Dicksein also zur Seuche mit massiven gesundheitspoltischen Auswirkungen.

● BMI Body Mass Index:
Körpergewicht (in Kilogramm) geteilt durch Größe (in Meter) zum Quadrat. Auf der Homepage des Adipositaszentrums Oberbayern gibt es einen einfachen BMI_Rechner. Als adipös gilt, wer einen BMI über 30 hat. Normalgewicht etwa: 18,5 bis 24,9. Übergewicht: 25 bis 29,9. Der BMI ist eine erste grobe
Einschätzung: als aussagekräftiger gilt der „Taillenumfang in Zentimeter geteilt durch Körpergröße in Zentimeter" (Englisch: Waist_to_Height_Ratio). Hier gilt ein Wert unter 0,5 (bei Älteren unter 0,6) als erstrebenswert.

● Viszeralchirurgie
Der Viszeralchirurg ist der Spezialist für komplexe Eingriffe im Bauchraum.

● Bariatrie
Fachübergreifendes Spezialgebiet der Medizin, das sich mit Ursachen, Vorbeugung und Behandlung von Übergewicht und Adipositas beschäftigt. Seit 2006 hat sich die Zahl der bariatrischen Operationen in Deutschland versechsfacht. 2014 gab es 9225 solcher Eingriffe. Sieben Millionen Menschen sind wegen
Adipositas bei niedergelassenen Ärzten behandelt worden. (felt)

„Mit 170 Kilo nimmt dich keiner"

Patientenporträts Jürgen Kühn hat nach einer Magen-OP 75 Kilogramm verloren, bei Markus Engel sind es sogar 98

„Am liebsten würde ich jedem Dicken, den ich sehe, einen Flyer von uns in die Hand drücken." Mit ‚uns' meint Jürgen Kühn die Selbsthilfegruppe Adipositas des Klinikums Landsberg. Jeden ersten Montag im Monat treffen sich dort Menschen mit extremen Gewichtsproblemen: Übergewichtige, die schon vieles versucht haben, um Pfunde zu verlieren, Operierte, die es geschafft haben und von ihren Erfahrungen berichten – und Menschen, die dort erst mal so akzeptiert werden, wie sie sind. Dick.

Obwohl Jürgen Kühn im Lauf des vergangenen Jahres 75 Kilogramm verloren hat – von 158 ist er runter auf 83 – engagiert er sich in der Landsberger Selbsthilfegruppe: „Mir ist damals geholfen worden, das möchte ich jetzt weitergeben." Sein Höchstgewicht lag bei 177 Kilogramm. Damals konnte er kaum noch als Mechatroniker arbeiten und verlor 2004 seinen Job. Laufen, atmen – alles fiel ihm schwer. Bewerbungen blieben erfolglos, zu Bewerbungsgesprächen wurde er als gesuchte Fachkraft immer eingeladen. „Aber kommen Sie mal mit 170 Kilo durch die Tür, da bekommt immer der Konkurrent den Job."

Schon als Kind war Jürgen Kühn, der 1962 geboren wurde, pummelig. In der DDR war gesunde Ernährung in den 70er- und 80er-Jahren ein Fremdwort. Mit 19 wog Kühn bei einer Größe von 1,70 Metern 120 Kilogramm. „Sie können sich nicht vorstellen, was ich im letzten Jahrzehnt alles durchgemacht und selbst finanziert habe, um abzunehmen", sagt Kühn. Mehrmals und ganzjährig ein kommerzielles Therapieprogramm für Übergewichtige, jahrelang „Weight Watchers" und andere Gruppen. Der Wille war da. Immer wieder hat er zehn Kilogramm abgenommen. Danach kamen der berüchtigte Jojo-Effekt, Schmerzen in den Gelenken, Diabetes Typ II, Bluthochdruck, Schlafapnoe (Aussetzer der Atmung während
des Schlafs), Medikamente. Irgendwann folgte die Erkenntnis: „Ich kann so nicht weitermachen, ich hab noch mindestens zehn Arbeitsjahre vor mir, und die will ich nutzen."

Der Entscheidung zur Magenverkleinerung gingen etliche Arzt- und Krankenkassentermine voraus. 2016 kam endlich für ihn die Zusage von der Krankenkasse zur Kostenübernahme (8000 bis 10 000 Euro). „Ungefähr 1,5 Liter Magenvolumen sind weg und nur noch so 150 Milliliter übrig", sagt Kühn. Er habe keinen Hunger mehr, selbst nach Kleinigkeiten sei er schon „pappsatt". Die Operation an sich sei kein Spaß: ein Tag Intensivstation, Schmerzen. Nach einer Woche wurde er aus dem Krankenhaus entlassen, und von da an ging es bergauf. Er verlor immens Gewicht, arbeitet wieder im alten Job. Alle drei Monate, bald nur noch halbjährlich, geht er zur Nachkontrolle, zur Selbsthilfegruppe jedoch weiterhin monatlich. Zehn Kilogramm sollen noch runter.

Im Leben von Markus Engel ist viel schief gelaufen. Angefangen bei einer Hirnhautentzündung als Säugling über Mobbing in der Schule sowie in der Ausbildung bis hin zur falschen Behandlung einer Krankheit. Der erste Bandscheibenvorfall mit 19, da wog Markus Engel bereits 160 Kilogramm. Danach der Selbstmord eines guten Freundes, eine unglückliche Liebe, Arbeitslosigkeit. Zweiter Bandscheibenvorfall mit OP, Komplikationen. Er kann nur noch an Krücken gehen. Irgendwann war Markus Engel bei 230 Kilogramm. „Das Frustessen fing schon früh an", sagt er, „wir sind alle nicht dünn bei uns in der Familie." Aber bei ihm nahm es Ausmaße an, die sich körperlich und seelisch fatal auswirkten: Depressionen, Kurzatmigkeit, Fettleber, Bluthochdruck, Gelenkschmerzen. 2016 dann die Schlauchmagen-OP im Klinikum Landsberg.

Heute ist Markus Engel 29 Jahre alt. Er stützt sich beim Gehen auf einen schwarzen Stock, die Krücken sind weg. Sein Magen hat nur noch die Größe einer Faust. Von 230 ist er runter auf 132 Kilogramm. Alles an ihm schlabbert wie eine zu große Jacke, sagt er. Das Fett ist weg, geblieben sind Hautschürzen. Vielleicht lässt er sich die Haut noch straffen, wenn er noch mehr abgenommen hat. 100 Kilogramm – das wäre sein Wunschgewicht. Bald will er auch beruflich einen zweiten Anlauf machen und sich zum Industriekaufmann umschulen lassen. Das Leben gibt ihm eine neue Chance, so scheint es. (felt)


           

Autor:
Dr. med. Harald Tigges, Chefarzt der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie, Facharzt für Chirurgie, Viszeralchirurgie und Spezielle Viszeralchirurgie; Ernährungsmedizin


 

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