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23.08.2018

Intensiv-Tagebuch: Erlebtes besser verarbeiten

Der Aufenthalt auf einer Intensivstation steht unter besonderen Vorzeichen. Um die tage- bis wochenlange Phase nach der Genesung besser zu verarbeiten, gibt es die Möglichkeit, dass Angehörige zusammen mit den Pflegekräften ein Intensiv-Tagebuch führen. Pflegedienstleiterin Annemarie Meßner-Kottek schildert ihre persönlichen Eindrücke.

In den vielen Tagen und Nächten, aus denen dann Jahre wurden, habe ich zusammen mit meinen Kollegen viele Patienten in dunklen Stunden begleitet – eine Achterbahnfahrt emotionaler Zustände für alle Beteiligten. Diese Patienten gehen einem trotz aller Profession sehr nahe und man fühlt und leidet mit ihnen. Aus diesem Grund waren es herausragende Tage, wenn der anvertraute Patient das Ziel „Normalstation" erreichte endlich die Hürde in Richtung „nach Hause" nehmen konnte.

Verlorener Zeitabschnitt erscheint vielen als schwarzes Loch
Die Neugierde und das Interesse sind mit dem Verlassen der Intensiveinheit natürlich nicht abgeschlossen, sondern unweigerlich löchern wir die Kollegen auf Normalstation bei jeder Gelegenheit, wie es „unseren" Patienten geht. Gerne besuchen wir Patienten auch auf der Normalstation und erstatten den Kollegen sofort Bericht. Leider ist es jedoch eher die Regel als die Ausnahme, dass Patienten diese schwierige Zeit verdrängen und wenig bis kaum Erinnerung an diesen Lebensabschnitt haben. Der verlorene Zeitabschnitt erscheint als schwarzes Loch und unweigerlich kommen Fragen auf, was in dieser Zeit geschehen ist. Aus diesem Grund haben wir im Januar 2012 ein erstes Intensiv-Tagebuch für eine Patientin verfasst.

Ein Intensiv-Tagebuch ist ein kleines Büchlein, das Pflegende und Angehörige während der Zeit führen, in der Patienten durch ihre Erkrankung und/oder durch Medikamente wahrnehmungseingeschränkt sind und eine maschinelle Beatmung benötigen. Der Patient kann es, wenn er möchte und sich dazu in der Lage fühlt, nach seiner Genesung gemeinsam mit Angehörigen oder allein lesen, bestenfalls lassen sich so Gedächtnislücken schließen. Auch fügen wir Bilder der Station ein, da es vielen Patienten ein Anliegen ist zu wissen, wo sie räumlich die lange Zeit verbracht haben.

Wertschätzender Schreibstil, so als würde man den Patienten ansprechen
Tagebücher werden seit vielen Jahren in Skandinavien und England geführt. Hier in Deutschland wurde erst im Jahr 2008 damit angefangen und es gibt noch viel zu wenige Intensivstationen, die Tagebuch führen. Der Schreibstil ist wertschätzend, ehrlich, so als würde man den Patienten direkt ansprechen.

Das Team der Intensivstation am Klinikum Landsberg versucht für alle Langzeitpatienten ein Tagebuch zu verfassen. Unsere Intention ist es, dass Patienten besser nachvollziehen können, was in dieser Zeit mit ihnen geschehen ist. Wir hoffen, dass sie sich gut erholen und das Tagebuch ihnen dabei hilft, das Erlebte später besser zu verstehen und zu verarbeiten. Auch für uns Intensivpflegekräfte ist es eine Chance, das Erlebte zu verarbeiten und aus den Ergebnissen die Kraft für diesen anspruchsvollen Beruf zu ziehen.

Auszüge aus einem Patiententagebuch:

12.02.2012
Sobald die Sonne aufgeht, fühlen Sie sich besser, und die Angst zieht sich zurück. Ihre Angehörigen sind da und trösten Sie. Heute Nachmittag sitzen Sie, nach zwei Wochen Liegen, an der Bettkante und Sie konnten Wasser trinken. Die Nacht war für Sie nicht sehr schön. Die Ängste halten Sie wach und Sie haben extreme Angst zu sterben. Sie können nur schlafen, wenn unsere Hände auf Ihrer Stirn liegen. Sie wachen immer wieder voller Panik auf und sind überrascht, dass Sie noch leben. Sie träumen von Ihrer Beerdigung, Sie erzählen, wie all Ihre Angehörigen sich von Ihnen verabschieden. Dies alles geht uns sehr nahe und wir weichen in den Nächten nicht von Ihrer Seite.

13.03.2012
Das erste Sprechen mit Sprechkanüle – alles klappt sehr gut. Alle waren so motiviert und es wurde beschlossen, Sie heute von der Kanüle zu „befreien". Sie hatten wieder Bedenken, aber alles hat geklappt. Auch für uns war das ein sehr emotionaler Moment, da wir nach 47 Tagen mit vielen Höhen und Tiefen Ihre Stimme gehört haben. Ein paar kleine Tränen haben auch wir heimlich vergossen.


 

Autor: Annemarie Meßner-Kottek, Pflegedienstleiterin Klinikum Landsberg am Lech


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