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05.11.2018

Placebo-Effekt: Wie das Gehirn den Schmerz lindert

Die positiven Auswirkungen pflegerischer und ärztlicher Kommunikation, von Behandlungserwartungen und Scheinbehandlungen sind als Placebo-Phänomene in der Medizin seit Jahrzehnten bekannt.

Lange Zeit wurde es als pure Einbildung belächelt, dass Scheinmedikamente Schmerzen lindern, ohne einen Wirkstoff zu enthalten. Die Erforschung dieses Phänomens führte zu überraschenden Erkenntnissen über die Wirkung von Zuversicht, Vertrauen und Kommunikation. Pflegende, Ärzte und Patienten könnten den Placebo-Effekt noch viel besser nutzen.

Placebo-Forschung: Kochsalzwasser statt Morphium
Als Pionierleistung der Placebo-Forschung gelten die Untersuchungen des US-Arztes Henry Beecher. Ihm war bei der Schmerzbehandlung schwerverletzter Soldaten im Zweiten Weltkrieg das Morphium ausgegangen. Mehrere Tage lang spritze er ihnen aus Not und ohne das Wissen seiner Patienten Kochsalzwasser statt Morphium. Die Schmerzen blieben den Soldaten auf wundersame Weise trotzdem über einige Tage erspart.

Die Effekte auf Schmerzen sind in der Placebo-Forschung bisher am besten untersucht. So hat der Turiner Neurologe Fabrizio Benedetti mit einem einfachen, aber raffinierten Versuch bewiesen, dass ein Scheinmedikament weit mehr Besserung bringen kann, als wenn man eine Krankheit einfach ihren natürlichen Lauf nehmen ließe: Nach einer Lungenoperation bekamen Patienten ein echtes, hochwirksames Schmerzmittel gespritzt, wann immer sie es wünschten. Zusätzlich aber hängten die Schwestern sie an eine Infusionsflasche, aus der Kochsalzlösung in ihre Venen tropfte. Manche Patienten erfuhren darüber die Wahrheit. Diese Genesenden erlebten nur die natürliche Besserung, für sie gab es keinen Placebo-Effekt. Andere Patienten wurden absichtlich im Unklaren gelassen, was in der Flasche sei. Dritten schließlich erklärten die Schwestern die Infusion als einen neuartigen Wunder-Schmerzkiller. Benedetti ließ genau aufzeichnen, nach wie vielen schmerzstillenden Spritzen die einzelnen Kranken verlangten.

Hoffnung auf Heilung: Gehirn schüttet Endorphine aus
Das Ergebnis: Je eher die Betroffenen Grund zu der Annahme hatten, dass die Infusion ihre Schmerzen lindern würde, desto weniger echtes Medikament brauchten sie. Ohne es zu wissen, profitierten diese Patienten von einem uralten Programm der Natur. Das Gehirn stellt auf natürliche Weise Stoffe her, die den Schmerz lindern, ja sogar ganz abschalten können: Endorphine, die chemisch dem Opium ähneln.

Die Erwartungshaltung und die Hoffnung auf Heilung führen dazu, dass das Gehirn vermehrt Botenstoffe wie Endorphine ausschüttet. Diese Stoffe wiederum binden an Rezeptoren im Nervensystem, die den Schmerz leiten, und senken deren Aktivität. Letztlich modifizieren die körpereigenen Endorphine somit die Schmerzverarbeitung und -wahrnehmung im Gehirn.

Nocebo-Effekt: Beschwerden durch negative Erwartungen
Daneben gibt es auch die umgekehrte Wirkung, das Gegenteil von Placebos sind Nocebo-Effekte. Das sind Beschwerden, die Betroffene durch negative Erwartungen entwickeln. Als Klassiker der Nocebo-Forschung gilt bereits der Fall des 26-jährige Derek Adams, der im Jahr 2013 in einem amerikanischen Fachblatt beschrieben wurde: Adams wollte seinem Leben ein Ende setzen. Seine Freundin hatte ihn verlassen. Er schluckte 29 Kapseln eines Antidepressivums, bekam massive Herz-Kreislaufprobleme und Todesangst. Nach der massiven Überdosis sackte sein Blutdruck ab, er kam in die Klinik und konnte trotz intravenöser
Infusionen auf der Intensivstation nicht stabilisiert werden.

Die fraglichen Tabletten und die Information über mögliche Nebenwirkungen hatte er im Rahmen einer Medikamentenstudie bekommen. Wie üblich, waren der Hälfte der Teilnehmer echte Medikamente, den anderen nur Placebos (=Zuckertablette) verabreicht worden. Und natürlich wussten weder die Versuchsteilnehmer noch die Versuchsleiter, zu welcher Gruppe sie gehörten. Nach der Einlieferung in die Notfallstation stellte sich heraus, dass Adams zur Placebo-Gruppe gehörte. Als er erfuhr, dass er nur ein Scheinpräparat geschluckt hatte, verschwanden seine Beschwerden binnen kurzem. Der junge Mann war körperlich kerngesund.

Wichtig: Gute Pflege-Arzt-Patienten-Beziehung
Alle ärztlichen und pflegerischen Handlungen erzeugen bestimmte Erwartungshaltungen beim Patienten. Zu den wichtigsten Wirkfaktoren gehört eine gute Pflege-Arzt-Patienten-Beziehung. Wer dem Arzt / Pflegenden misstraut, erwartet keine Hilfe – und erlebt sie dann oft auch nicht. Hinzu kommt die Art und Weise, wie Ärzte und Pfleger ihren Patienten Informationen vermitteln. Üblicherweise trägt diese wesentlich zu der Erwartungshaltung bei, die der Patient entwickelt. Im klinischen Alltag kann zum Beispiel die nicht empathische Aufklärung über mögliche Komplikationen einer Therapie unbeabsichtigt negative Erwartungen beim Patienten hervorrufen und dadurch die Häufigkeit unerwünschter Nebenwirkungen erhöhen.

Letztlich können Pflegende und Ärzte das Wissen über Placebo- und Nocebo-Effekte therapeutisch nutzen und dadurch einen positiven Heilungseffekt hervorrufen. Obwohl diese Effekte natürlich keinen Ersatz für eine Therapie darstellen, ergänzen sie wirksam die Behandlung.


 

Ansprechpartner:
Dr. med. Christian Moser, Chefarzt des Schmerzzentrums, Facharzt für Anästhesiologie, Spezielle Schmerztherapie, Akupunktur, Notfallmedizin


 

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