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08.08.2019

Fünf Farben für die Patientensicherheit

Es ist 19 Uhr. Seit einer Stunde sitzt eine Mutter mit ihrem achtjährigen Sohn – zusammen mit vielen weiteren Patienten - im Wartezimmer der Notaufnahme des Landsberger Klinikums. Beim Sport in der Schule war ein Ball gegen den Finger des Buben geknallt. Der Finger schmerzt. Und seine Mutter wundert sich. Denn gerade betritt eine junge Frau die Notaufnahme. Beim Sturz vom Fahrrad hatte sie sich kurz zuvor den Lenker in den Bauch gerammt. Sie hat Schmerzen, ist blass. Im Gegensatz zur Mutter mit ihrem Sohn muss die junge Frau aber nicht lange warten, darf deutlich vorher in den Untersuchungsraum.

Warum manche länger warten müssen

Warum ist das so? Warum müssen manche Patienten in der Notaufnahme länger warten als andere?

Die Erklärung dafür haben Martina Drohmann (Pflegerische Leitung der Notaufnahme), Andreas Schollenberger (stellvertretender Leiter Pflege), Oberarzt Stefan Kozlik (Ärztliche Leitung der Notaufnahme) und Dr. Marion Leichtle (chirurgische Fachärztin der Notaufnahme).

„Das läuft natürlich nicht nach dem Zufallsprinzip, sondern es geht ganz klar darum, gleich zu Beginn schnell einzuschätzen, welcher Patient dringlicher vom Arzt behandelt werden muss." Dafür sind die Pflegefachkräfte der Notaufnahme bestens geschult.

Diese sogenannte Ersteinschätzung diene vor allem der Patientensicherheit: „Unsere Notaufnahme ist sehr oft total überfüllt, es gibt mehr Patienten als Ärzte. Viele Patienten kommen wegen Bagatellen, oder auch, weil sie beim Facharzt keinen zeitnahen Termin bekommen haben. Deshalb ist es so wichtig, sofort zu unterscheiden, ob es sich um einen potentiell lebensbedrohlichen Fall oder um eine Bagatelle handelt."

Diese Unterscheidung könne Leben retten, sagt Kozlik. Denn oft seien die echten Notfallpatienten im Wartezimmer viel ruhiger und geduldiger, als die weniger dringlichen. Die einzelnen Patienten werden also nach der Dringlichkeit, bis ein Arzt sie sieht, „sortiert". Nach diesem Prinzip verfährt das Personal der Notaufnahme schon seit Jahren.

Ein neues System

Jetzt gibt es aber eine Neuerung am Klinikum Landsberg, die das ganze Prozedere erleichtern soll und dem Notaufnahmeteam zugleich eine Rechtssicherheit bietet: Seit Beginn des Jahres wird in der Landsberger Notaufnahme das sogenannte „Manchester Triage System" angewendet. Hierbei handelt es sich um ein international anerkanntes System zur Ersteinschätzung der medizinischen Behandlungsdringlichkeit, kurz Triage genannt (siehe Infokasten). Es wurde entwickelt, um die Wartezeiten in Notaufnahmen zu steuern, erklärt Kozlik. Dabei sei eines ganz klar: Lebensbedrohliche Erkrankungen gehen immer vor.

Deshalb kurz der Blick zurück zur Mutter mit ihrem achtjährigen Sohn im Wartezimmer. Sein Finger schmerzt, aber das Ganze ist nicht lebensbedrohlich. Ob sich aber die junge Frau bei ihrem Fahrradsturz eventuell schwere innere Verletzungen zugezogen hat, muss sofort abgeklärt werden. Deshalb darf sie früher ins Untersuchungszimmer.

Rot heißt: sofort

Beim Triage System läuft das so: In fünf Stufen wird die Wartezeit bis zum ersten Arztkontakt eingeteilt – und zwar zur besseren Übersicht auch farblich. Rot heißt sofort. Orange heißt sehr dringlich. Gelb heißt dringend. Grün heißt normal. Und Blau heißt nicht dringend. Nach dieser pflegerischen Ersteinschätzung werden die Patienten eingeteilt, und zwar EDV-gesteuert, anhand von Diagrammen, die nach Leitsymptomen oder Beschwerden des Patienten sortiert sind.

„Unser ganzes Team, bestehend aus 16 Personen, ist in diesem System durch das Deutsche Netzwerk Ersteinschätzung geschult worden", berichtet Drohmann.

Und Schollenberger fügt an: „Das heißt, jeder von uns – der Berufsanfänger und der ‚alte Hase' gleichermaßen – wendet das gleiche standardisierte System an. Dadurch verringert sich das Risiko extrem, dass ein Patient mit einem ernsthaften Problem zu spät drankommt." Durch die fünf Dringlichkeitsstufen – Orange, Gelb und Grün kommen übrigens am häufigsten vor – können die Notaufnahme-Mitarbeiter die Wartezeiten also besser steuern und eine bessere Patientensicherheit gewährleisten. Mit den Farben legt man die Zeitstufen fest, wann der Patient Kontakt zum Arzt haben sollte.

Die Mutter mit ihrem Sohn hingegen muss – bei einem vollen Wartezimmer – mit bis zu 90 Minuten Wartezeit rechnen. Der Junge ist in die Kategorie „normal dringend" (grün) eingeteilt.

In der Landsberger Notaufnahme gibt es seit der Einführung des neuen Systems einen Mitarbeiter pro Schicht mehr, der sich rein um die Triage kümmert, berichten Drohmann, Kozlik und Schollenberger weiter.

Zusammen stemmte das Notfallpflege-Team allein im vergangenen Jahr über 22.000 Patienten, die in der Notaufnahme behandelt wurden. Und die Zahl steigt jährlich.

Drohmann und Schollenberger betonen, dass auch alle Patienten, die mit dem Rettungswagen kommen, in der Zentralen Notaufnahme von den Pflegekräften triagiert und eingestuft werden. Manchmal sind diese Patienten auf Stufe „grün", also „normal dringend" und kommen daher nicht zwingend schneller dran – obwohl sie mit dem BRK kamen. Schollenberger: „Es geht einzig und allein um die Dringlichkeit der Behandlung." Und auch um eine perfekte Organisation. Trifft ein echter Notfall ein, muss in der Notaufnahme des Klinikums ein Rad in das andere greifen, damit alles schnell und reibungslos funktioniert, sagt Martina Drohmann. „Es gibt ja nicht nur einen, sondern viele verschiedene Fachbereiche."

Auch der Ärztliche Direktor des Klinikums Landsberg, Dr. Hubert Meyrl, hält die Triage für eine sinnvolle Sache: „Die Patienten werden nach der Schwere ihres Verletzungsmusters behandelt. Der Vorteil ist, dass die Patienten, die sich mit kleineren Problemen in die Notaufnahme ‚verirrt' haben, besser abschätzen können, mit welcher Wartezeit sie dort rechnen müssen. Vielleicht überlegt sich der eine oder andere dann auch eine andere Möglichkeit, zum Beispiel, zum ärztlichen Bereitschaftsdienst zu gehen."

Verbale Angriffe und Aggressionen

Das Aggressionspotential wegen der Wartezeiten in der Notaufnahme sei leider oftmals sehr groß. Tatsächlich seien die Mitarbeiter in ihrer täglichen Arbeit sehr vielen verbalen Angriffen ausgesetzt. Die meisten lautstarken Beschwerden kämen dabei von den eher nicht dringlichen Fällen. „Da braucht man schon manchmal ein sehr dickes Fell", sind sich Drohmann und Schollenberger einig.

Um den Patienten zu vermitteln, warum sie manchmal länger als andere warten müssen, sei die Aufklärungsarbeit sehr wichtig. So soll in Kürze auch ein großes Schild im Wartezimmer Aufschluss über die Ersteinschätzung das Triage-System geben. Darauf werden die einzelnen Dringlichkeitsstufen in Farbe erklärt.

Jeder Patient wird ernst genommen

Die gute Nachricht zum Schluss: Der Finger des achtjährigen Jungen war nicht gebrochen, nur leicht verstaucht. „Er hat von uns eine Tapferkeitsurkunde bekommen und ist mit seiner Mutter ganz zufrieden wieder hier herausmarschiert", erzählt Schollenberger. Wichtig ist den beiden stellvertretend für alle Ärzte und Pflegekräfte zu sagen: „Jeder einzelne Patient wird hier ernst genommen. Aber manchmal ist eine längere Wartezeit eben nötig, um dringlichere Fälle zu behandeln. Wir tun alle unser Bestes und haben mit dem Manchester Triage System jetzt auch ein Instrument zu Hand, um die Patientenströme zu lenken." Denn im Gegensatz zum Hausarzt kommen in die Notaufnahme ja grundsätzlich Patienten ohne Termin. Und jeder weiß: Selbst mit Termin beim Hausarzt kann es dort zu Wartezeiten kommen.

Wo kommt der Begriff Triage her?

Der Ausdruck kommt aus dem Französischen und bedeutet so viel wie „aussortieren", „aussuchen". Das Wort Triage bezeichnet laut Wikipedia ein methodisch spezifiziertes Verfahren für die Priorisierung medizinischer Hilfeleistung, insbesondere bei hohem Aufkommen an Patienten. Es ist ein aus der Militärmedizin herrührender Begriff für die schwierige Aufgabe, etwa bei einem Massenanfall von Verletzten oder Kranken (beispielsweise bei Katastrophen, Krieg, Großunfällen) darüber zu entscheiden, wie die Ressourcen aufzuteilen sind. Strukturierte Triage-Instrumente werden in Notaufnahmen eingesetzt.

Die Geschichte der Triage geht weit zurück

Schon Anfang des 16. Jahrhunderts führte Kaiser Maximilian I. (1459-1519) seine „Heeres-Sanitäts-verfassung" ein, in der erstmals geordnete Sanitätseinheiten dokumentiert wurden. Die Aufgabe bestand darin, die überlebensfähig Verwundeten zu retten. Nach den Feldzügen der französischen Revolutionsarmeen während der Koalitionskriege (1792-1815) entstanden neue Ansätze der medizinischen Versorgung vor Ort und des Transports in weiter entfernte Behandlungseinrichtungen.

Der russische Chirurg Nikolai Iwanowitsch Pirogow (1810-1881) entwickelte schließlich abgestufte chirurgische Behandlungsverfahren und das Prinzip der „Krankenzerstreuung" (verteilte Behandlung von Verletzen und Erkrankten) zur Ordnung auf den überfüllten Verbandplätzen. Er teilte die Behandlung der Patienten in verschiedenen Stufen ein. Die preußische Armee übernahm 1866 das russische Prinzip, später fand es auch bei den anderen Sanitätsdiensten verbündeter Armeen Anwendung.

Der französische Sanitätsdienst führte das Prinzip „Triage – Transport – Traitement" ein (Auswahl – Transport – Behandlung) und prägte damit den Begriff Triage. Erst 1942 wurde eine strukturierte Vorgehensweise für die Triage im Deutschen Militärdienst festgeschrieben. Mit der Aufstellung der NATO wurde eine einheitliche Systematik von Sichtungskategorien geschaffen. Die Verfahrensgrundsätze wurden auch bei der Hilfeleistung bei zivilen Katastrophen eingesetzt. In den deutschsprachigen Notaufnahmen werden bisher das englische Manchester-Triage-System oder der Emergency Severity Index erfolgreich durchgesetzt. Dadurch soll gewährleistet sein, dass schwer erkrankte Notfallpatienten zeitnah erkannt werden und umgehend die notwendige Diagnose und Therapie erhalten.

 

 


 

 

Autorin: Regina Miller

Presse, Marketing & Öffentlichkeitsarbeit Telefon: (08191) 333-1502 Telefax: (08191) 333-197-1502 E-Mail: regina.miller@klinikum-landsberg.de

 


 

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